Hinweis: Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei gesundheitlichen Fragen oder Beschwerden wenden Sie sich bitte immer an medizinisches Fachpersonal.
Bluthochdruck spürt man oft erst, wenn es zu spät ist. Daher gehört die regelmäßige Messung zu den wichtigsten Vorsorgemaßnahmen im häuslichen Umfeld. Wer vor dem Regal im Fachhandel oder der Apotheke steht, sieht sich jedoch schnell mit einer grundlegenden Frage konfrontiert: Soll es die klassische Manschette für den Oberarm sein oder das kompakte Gerät für das Handgelenk? Beide Varianten haben ihre technischen Vorzüge, doch die Messgenauigkeit hängt stark von den individuellen körperlichen Voraussetzungen und der korrekten Handhabung ab.
Das Wichtigste in Kürze
- Oberarmgeräte gelten als Goldstandard, da sie die Messung automatisch auf Herzhöhe durchführen und weniger anfällig für Haltungsfehler sind.
- Messgeräte für das Handgelenk liefern nur dann verlässliche Werte, wenn sie exakt auf Herzhöhe gehalten werden und keine Gefäßverkalkungen vorliegen.
- Achten Sie beim Kauf zwingend auf ein Prüfsiegel (z. B. der Hochdruckliga), das die klinische Messgenauigkeit des spezifischen Modells bestätigt.
Wie sich die Messmethoden am Körper unterscheiden
Technisch funktionieren fast alle modernen digitalen Geräte nach dem oszillometrischen Prinzip. Das bedeutet, sie hören nicht wie der Arzt mit dem Stethoskop auf Töne, sondern erfassen die Schwingungen der Arterienwand, die durch den pulsierenden Blutfluss entstehen. Der Unterschied liegt im Ort der Messung: Am Oberarm ist die Arteria brachialis (Armarterie) kräftig und liegt auf Herzhöhe. Am Handgelenk sind die Arterien (Radial- und Ulnararterie) feiner, liegen dichter unter der Haut und sind weiter vom Herzen entfernt.
Diese anatomischen Gegebenheiten führen zu unterschiedlichen Herausforderungen bei der Signalverarbeitung. Ein gutes Messergebnis hängt von mehreren Faktoren ab, die Sie vor dem Kauf kennen sollten. Hier ein Überblick der zentralen Einflussgrößen, die je nach Gerätetyp variieren:
- Positionierung: Wie einfach lässt sich die Herzhöhe einhalten?
- Gefäßzustand: Beeinflussen Alter oder Vorerkrankungen die Durchlässigkeit der Arterien?
- Passform: Passt die Manschette zur Anatomie des Arms (Konus, Umfang)?
- Mobilität: Wie tragbar und diskret muss das Gerät im Alltag sein?
Warum Oberarmgeräte oft als erste Wahl gelten
Mediziner und Fachgesellschaften empfehlen in der Regel Geräte für den Oberarm, da hier die Fehlerquellen geringer sind. Die Manschette befindet sich beim Anlegen fast automatisch auf der Höhe des Herzens, was den hydrostatischen Druck neutralisiert und Verfälschungen minimiert. Zudem sind die Gefäße am Oberarm weniger anfällig für kältebedingtes Zusammenziehen (Vasokonstriktion) oder altersbedingte Verhärtungen, was die Messung robuster macht. Wer verlässliche Werte für die Einstellung von Medikamenten benötigt, greift meist zu dieser Variante.
Allerdings hat der „Goldstandard“ auch Nachteile im Handling. Das korrekte Anlegen der Manschette kann schwierig sein, wenn man allein ist oder die Beweglichkeit der Schultern eingeschränkt ist. Ein kritischer Punkt ist zudem die Manschettengröße: Ist sie für den Armumfang zu klein, misst das Gerät fälschlicherweise zu hohe Werte; ist sie zu groß, sind die Werte zu niedrig. Viele Hersteller bieten daher Universalmanschetten oder verschiedene Größen an, die vor dem Kauf unbedingt geprüft werden müssen.
Wann Messungen am Handgelenk sinnvoll sind
Handgelenkgeräte punkten vor allem durch ihre Kompaktheit und die einfache Handhabung. Man muss den Ärmel nicht hochkrempeln, was gerade im Winter oder unterwegs von Vorteil ist. Für Menschen mit sehr starkem Oberarmumfang, bei denen Standardmanschetten nicht passen oder schmerzhaft einschneiden, sind diese Geräte oft die einzig praktikable Alternative. Auch wer viel reist und eine diskrete Kontrolle wünscht, profitiert von der Bauweise.
Das größte Risiko liegt hier in der Haltung. Hängt der Arm während der Messung locker nach unten, ist der hydrostatische Druck höher, und das Gerät zeigt falsche, zu hohe Werte an. Umgekehrt führt ein Hochhalten über Herzhöhe zu künstlich niedrigen Werten. Einige moderne Geräte besitzen zwar Positionssensoren, die erst messen, wenn die Höhe stimmt, doch die Disziplin des Anwenders bleibt der entscheidende Faktor für die Genauigkeit.
Welche Rolle Gefäßerkrankungen und Alter spielen
Mit zunehmendem Alter oder durch Krankheiten wie Diabetes verändern sich die Blutgefäße. Es kommt häufig zu Arteriosklerose (Gefäßverkalkung) und einem Elastizitätsverlust der Arterienwände. Da die Arterien im Handgelenk feiner sind als am Oberarm, wirken sich diese Veränderungen dort stärker auf die Schwingungsübertragung aus. Die oszillometrische Messung kann am Handgelenk dann ungenau werden, selbst wenn das Gerät technisch einwandfrei ist.
Aus diesem Grund wird älteren Menschen sowie Rauchern und Diabetikern oft explizit zum Oberarmgerät geraten. Wenn die Gefäße bereits stark geschädigt sind oder Herzrhythmusstörungen (Arrhythmien) vorliegen, sollten Sie Rücksprache mit Ihrem Arzt halten. Manche Geräte verfügen über eine spezielle Arrhythmie-Erkennung, die anzeigt, wenn ein unregelmäßiger Herzschlag das Messergebnis verfälscht haben könnte, doch die physikalischen Grenzen der Handgelenksmessung bleiben bei verhärteten Arterien bestehen.
Woran Sie ein validiertes Messgerät erkennen
Nicht jedes Gerät, das im Online-Handel verfügbar ist, misst klinisch genau. Es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen einer reinen CE-Kennzeichnung (die nur die technische Sicherheit bescheinigt) und einer klinischen Validierung. Validierte Geräte haben in unabhängigen Studien bewiesen, dass ihre Messwerte mit denen der klassischen ärztlichen Methode (Quecksilbersäule/Stethoskop) übereinstimmen.
Achten Sie beim Kauf auf Prüfsiegel anerkannter Institutionen. In Deutschland ist das Prüfsiegel der Deutschen Hochdruckliga (DHL) ein verlässlicher Indikator für Messgenauigkeit. Auch Siegel der Europäischen Gesellschaft für Hypertonie (ESH) bieten Orientierung. Ein Gerät ohne entsprechende klinische Prüfung zu kaufen, ist ein Risiko, da Sie Ihre Therapieentscheidungen eventuell auf Basis von Zufallswerten treffen.
Typische Fehlerquellen in der Praxis vermeiden
Selbst das teuerste Gerät liefert nutzlose Daten, wenn die Rahmenbedingungen nicht stimmen. Ein häufiger Fehler ist die fehlende Ruhepause: Wer sich direkt nach dem Treppensteigen hinsetzt und misst, erfasst nicht den Ruheblutdruck, sondern eine Belastungsreaktion. Auch Sprechen während der Messung, übereinandergeschlagene Beine oder eine volle Harnblase können den systolischen Wert um 10 bis 15 mmHg in die Höhe treiben.
Beim Handgelenkgerät ist der „Positionierungsfehler“ der Klassiker. Um diesen zu vermeiden, sollte der Arm angewinkelt werden, sodass das Gerät auf Höhe der Herzklappen liegt. Viele Patienten legen den Arm auf dem Tisch ab – das ist für Handgelenkgeräte oft zu tief. Eine bewährte Methode ist es, den Ellenbogen aufzustützen und den Unterarm locker anzuwinkeln, bis sich das Handgelenk auf Brusthöhe befindet, ohne dabei die Muskeln anzuspannen.
Checkliste zur finalen Entscheidung
Um die richtige Wahl für Ihren persönlichen Bedarf zu treffen, hilft ein Blick auf Ihre individuellen Voraussetzungen. Gehen Sie die folgende Liste durch, um das Risiko eines Fehlkaufs zu minimieren. Wenn mehr als ein Punkt einer Kategorie auf Sie zutrifft, ist die Tendenz meist eindeutig:
- Greifen Sie zum Oberarmgerät, wenn: Sie über 50 sind, rauchen, Diabetes haben oder der Arzt bereits Gefäßveränderungen festgestellt hat. Auch bei Herzrhythmusstörungen ist dies meist die sicherere Wahl.
- Greifen Sie zum Handgelenkgerät, wenn: Ihr Oberarm extrem konisch oder sehr kräftig ist, sodass Manschetten schlecht sitzen, oder wenn Sie das Gerät primär auf Reisen nutzen und jung sowie gefäßgesund sind.
- Testen Sie die Handhabung: Können Sie die Oberarmmanschette allein straff anlegen? Wenn dies aufgrund von Arthrose in den Fingern oder Schulterproblemen nicht gelingt, ist ein gut positioniertes Handgelenkgerät besser als ein schlecht sitzendes Oberarmgerät.
Fazit und Ausblick: Vergleichsmessung schafft Sicherheit
Die Entscheidung zwischen Handgelenk und Oberarm ist keine reine Geschmacksfrage, sondern hängt maßgeblich von Ihrer Gefäßgesundheit und Ihrer Disziplin bei der Anwendung ab. Während das Oberarmgerät medizinisch robuster ist, bietet das Handgelenkgerät bei korrekter Nutzung mehr Komfort. Egal für welchen Typ Sie sich entscheiden: Die Technik entwickelt sich weiter, und moderne Sensoren gleichen immer mehr Anwenderfehler aus, können die Physik aber nicht überlisten.
Um absolute Sicherheit zu gewinnen, sollten Sie Ihr neues Gerät einmalig zum nächsten Arzttermin mitnehmen. Führen Sie dort eine Vergleichsmessung durch: Messen Sie selbst, während oder kurz nachdem das Praxispersonal misst. So erkennen Sie, ob Ihr Gerät (oder Ihre Messmethode) systematisch abweicht, und können die Werte zu Hause künftig richtig einordnen. Vertrauen ist gut, Kalibrierung ist besser.
